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  • Theodor Lammich

„Die Wissenschaft meint ...“ – Zum sorgsamen Gebrauch des Wissenschaftsprädikats

Ob Maßnahmen der Pandemiebekämpfung, der Zeitpunkt für den Kohleausstieg, die Maßnahmen zur Begrenzung der globalen Erwärmung oder die Frage um den flächendeckenden Mindestlohn: Immer öfter, so scheint es, kann sich „die Wissenschaft“ nun endlich aufrappeln, um der Politik der Weisheit letzten Schluss kund zu tun. Prominente Vertreter diverser Interessengruppen weisen mühelos jegliche Verantwortung für ihre Positionen von sich und verweisen auf den Zwang durch wissenschaftliche Erkenntnis. Diese indiziere nicht nur, sondern, so wird es kommuniziert, behaupte eine konkrete politische Positionierung. Es macht den Anschein, als könne “die Wissenschaft” ein eigenes Parteiprogramm auf die Beine stellen. Selbst als „Wissenschaftsmagazine“ bekannte Angebote wie Quarks vom Westdeutschen Rundfunk erörterten bereits „die wissenschaftliche Position“ zur Cannabispolitik, zur Pandemiebekämpfungspolitik oder der „richtigen“ Umsetzung von Klimaschutz. Unabhängig von den streitbaren Positionen, denen damit Gewicht verliehen werden soll, birgt eine solche Vermengung von Politik und Wissenschaft eine enorme Gefahr, die im Folgenden aufgezeigt werden soll.

Weshalb „die Wissenschaft“ ein so beliebter Aufhänger für eine Meinung ist, liegt auf der Hand. Schon von klein auf werden wir mit der wohligen Sicherheit von unverrückbaren Tatsachen verwöhnt. Die meisten speisen wir als selbstverständlich ab und nehmen sie kaum mehr als Gesetzmäßigkeiten wahr. Trete ich gegen einen Fußball, so wird er sich von seinem ursprünglichen Platz wegbewegen und davonrollen. Trete ich fester und weiter unten, so schaffe ich es sogar, ihn durch die Luft fliegen zu lassen. Erst nach einigen Jahren des fröhlichen Tretens erfährt man in der Schule, dass vor dem Tritt Nervenimpulse durch Nervenfasern schießen, welche auf eine Muskelkontraktion hinwirken, deren Energie einem Molekül namens Adenosintriphosphat entnommen wird, die Bewegungsenergie des geschwungenen Beines zunächst in Deformationsenergie und diese wiederum in Bewegungsenergie umgewandelt wird. Tradierte Erkenntnisse lassen uns die Welt verstehen und in Erfahrung gebrachte Gesetzmäßigkeiten können sogar Geschehnisse vorhersehen lassen. Wir wissen: Wenn auf etwas Verlass ist, dann auf das, was „die Wissenschaft“ sagt.

Nichtsdestotrotz bleibt die „Position aufgrund wissenschaftlichen Zwangs“ aus mehreren Gründen unseriös. Denn sie verkennt die Fähigkeiten der beiden gesellschaftlichen Teilsysteme Politik und Wissenschaft.

Die Wissenschaft ist auf der Suche nach Erkenntnissen und versucht, diese in ein beständig heranziehbares System einzupflegen. Jede wissenschaftliche Disziplin baut auf dem Ziel auf, eine Regelmäßigkeit in Bezug auf Vorgänge und Zustände jeder denkbaren Dimension zu erkennen und festzuhalten. Falls es überhaupt möglich sein sollte, ließe sich die Wissenschaft wohl am ehesten als Prozess der Suche nach dem Wahren zusammenfassen.

Der Prozess der Politik strebt hingegen nach dem Ziel, Angelegenheiten eines Gemeinwesens durch verbindliche Entscheidungen zu regeln. Durch mit Zwang durchsetzbare Normen soll die Welt nicht erklärt, sondern verändert werden. Wesensmerkmal einer politischen Entscheidung ist also eine Zielsetzung, ein Herbeiführen eines Soll-Zustandes. Sie kann, um es der Aufgabe der Wissenschaft anschaulich gegenüberzustellen, als Prozess der Suche nach dem Richtigen zusammengefasst werden.

Eine Fähigkeit der Wissenschaft ist es, für die Politik den wahrscheinlichsten Ist-Zustand und die wahrscheinlichsten Regelmäßigkeiten darzulegen. Denn nur auf Grundlage dieser Angabe kann die Politik einen Soll-Zustand ausrufen, der mit den wahrscheinlichsten Regelmäßigkeiten erreicht werden kann. Die Wissenschaft dient also der Politik und überlässt ihr die Instrumente in Form des Wahren, die sie braucht, um etwas zu kreieren, was mit wissenschaftlichen Methoden schlicht und ergreifend nicht zu schaffen ist, das Richtige.

Wie verzweifelt schon der Versuch wirkt, das Richtige für allgemeine, disziplinübergreifende Sachverhalte unmittelbar und zugleich aus dem Wahren konkreter Disziplinen zu ziehen, zeigt sich nicht zuletzt in den eifrigen Debatten zur Klima- oder Pandemiebekämpfungspolitik. „Die Wissenschaft“, die hier lautstark angeführt wird, ist die der Klimaforschung und Epidemiologie. Alleine hiernach bestimme sich das Richtige. Regelmäßig unberücksichtigt bleibt die Wissenschaft der sich auf sie Berufenden dort, wo sie sich mit Fragen der Wirtschaft, der Soziologie, der Psychologie, des Rechts oder anderen Disziplinen beschäftigt, deren Erkenntnisse eine im Einzelnen geminderte, aber in der Gesamtschau womöglich sogar überwiegende Bedeutung haben. Das Problem schmälert sich im Übrigen auch dadurch nicht, dass die Standsicherheit nicht aller, aber gerade bei neuen Fragestellungen etlicher Erkenntnisse maßlos überschätzt wird. Der Zwang zur Quantifizierung von Ergebnissen, das Verlangen nach leicht handhabbaren Zahlen verleitet zu fragwürdiger Methodik, die man mit einer sensationellen Schlagzeile zu kompensieren versucht.

Doch was passiert eigentlich in den Köpfen derer, die zum einen darin getäuscht werden, dass „die Wissenschaft“ eigene politischen Ansichten, eigene Normvorstellungen einer Gesellschaft hat und zum anderen diese Ansichten nicht teilen? Was passiert, wenn der Wissenschaftsbegriff zur Bezeichnung eines streitbaren Meinungsträgers verkommt? Es eröffnet sich die Versuchung zur Ablehnung; zur Skepsis gegenüber all den Dingen, die sich mit dem Prädikat der Wissenschaftlichkeit schmücken wollen. Das, was medial als Wissenschaft gehandelt wird, verkommt zu einem Feindbild. Die tragische Folge: Diejenigen, die „die Wissenschaft“ nicht nur zur Grundlage ihres eigenen Dafür- und Widerhaltens nutzen wollen, sondern ihr ein eigenes Dafür- und Widerhalten zuschreiben, verfestigen ein wissenschaftsfeindliches Klima. Und zwar ein echtes, welches nicht nur darin besteht, das vermeintlich Richtige, sondern auch das Wahre anzuzweifeln.

Es ist daher in ureigenem Interesse eines jeden wissenschaftlich Wirkenden, die Grenzen der Relevanz der eigenen Erkenntnisse einzugestehen und die Rollenverteilung von Wissenschaft und Politik klar zu kommunizieren: Das eine zeigt auf, das andere wertet.

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