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  • Nathan Münch

Warum Wissenschaftsfreiheit? Warum Meinungsfreiheit? Eine kurze Begründung

Aktualisiert: 13. Aug. 2022


Ein wichtiger Grund für unser Handeln ist die Feststellung, dass eine grundsätzliche Liberalität anderen Weltanschauungen, Überzeugungen und Personen gegenüber nicht mehr selbstverständlich als etwas Positives aufgefasst wird, sondern man sich für diese Liberalität und diesen Pluralismus rechtfertigen muss. Daher wollen wir unsere Überzeugung knapp darlegen. Obgleich in einer freiheitlich demokratischen Gesellschaft Meinungspluralität keiner Rechtfertigung bedarf, tun wir dies hier aus der Überzeugung der Richtigkeit unseres Handelns heraus.

Wir beginnen aus der Perspektive der Mehrheitsposition: Es lohnt sich, das Recht des anderen auf freie Rede, auf freie Meinungsäußerung und auf freie Forschung zu akzeptieren und zu verteidigen, weil die Gewissheit um die Majorität der eigenen Gesinnung ein trügerisches Gefühl ist. Beinahe jede politische Überzeugung war zum einen oder anderen Zeitpunkt in der Geschichte Verfolgung und Repression ausgesetzt. Aufklärer und Demokraten begannen ihr Wirken als Aussätzige und Häretiker, als Abweichler von der vorherrschenden Geisteshaltung. Wir können uns niemals sicher sein, dass wir stets zur Mehrheit gehören werden, darum lohnt es sich, die Rechte der weltanschaulichen Minderheiten stets so zu behandeln als gehörte man selbst zu dieser Gruppe. In unseren Demokratien ist dieser Gedanke in Form des Majoritäts-Minoritäts-Prinzip verankert, dass auf den österreichischen Juristen und Demokratietheoretiker Hans Kelsen zurückgeht. Es besagt, dass zwar letztendlich die Mehrheit die Entscheidungen trifft, aber die bloße Existenz dieser Mehrheit die gleichzeitige Existenz einer Minderheit voraussetzt. Für einen fairen Mehrheitsentscheid müssen also die Rechte der Minderheit gewährleistet werden; sie muss die Möglichkeit besitzen, selbst eines Tages zur Mehrheit zu werden. Und zu diesen Rechten gehören die Freiheit von Wort und Schrift und die Freiheit der Wissenschaft.

John Stuart Mill, ein Vordenker des Liberalismus, geht diese Überlegungen von einer anderen Seite, vom Einzelnen an. Er schreibt in seiner Schrift On Liberty, dass, selbst wenn die gesamte Menschheit mit Ausnahme einer Person einer Meinung wäre, diese überragende Mehrheit das Recht dieses einen Menschen auf freie Rede nicht nehmen dürfte – genauso wie diese Person nicht das Recht hätte, der restlichen Menschheit die Freiheit der Rede zu verwehren. Hier kommt dem Recht der einen Person, frei zu sprechen, ein zweites Recht dazu, nämlich das der anderen Menschen, den Beitrag dieser Person zu hören. Man sollte sich bewusst sein, dass, wenn man die Redefreiheit des anderen beschneidet, auch die eigene Freiheit auf das Hören des Gesagten beschneidet. Dem ein oder anderen mag es nun bei Meinungen, die er oder sie für besonders verwerflich oder falsch erachtet, leichtfallen, auf sein Recht auf Hören zu verzichten: Gerade in der Wissenschaft aber ist es unerlässlich, auch diese Gedanken zu hören und zu lesen, allein um später auf Grundlage des Gehörten eine Gegenposition zu formulieren, um dem Gehörten widersprechen zu können.

Es fällt vielleicht auf, dass „Freiheit von Rede“, „Meinungsfreiheit“, sowie „Freiheit von Wort und Schrift“ in diesem Text synonym verwendet wurden, und dies hat seinen Grund. Denn allzu oft begegnet den eben dargebrachten Ausführungen die Aussage: „Dies oder das ist für mich einfach keine Meinung, daher schränke ich, wenn ich diese Meinung verbiete, nicht die Meinungsfreiheit ein.“ Diese Ansicht ist aber der fatale Ausdruck eines geschlossenen Weltbildes, denn sie macht es unmöglich, Kritik an jedweden Positionen zu üben. Kurz, sie übergibt das Recht zu entscheiden, was eine Meinung ist und was nicht, dem Kritisierten. Da niemand gerne Kritik ausgesetzt ist, kann man sich vorstellen, welche Konsequenzen eine solche Geisteshaltung nach sich ziehen würde. Der amerikanische Bürgerrechtler und Abolitionist Frederick Douglass entgegnete dieser Überzeugung darum, dass Freiheit dort bedeutungslos sei, wo man nicht seine Gedanken, unabhängig von den Ansichten anderer über diese, äußern könne und der britische Sozialist George Orwell meinte, dass, so dem Begriff Freiheit überhaupt eine Bedeutung zukäme, es die sei, den Leuten sagen zu können, was diese partout nicht hören wollen.

Das Wunderbare an dieser Position ist nun, dass sie nicht einem bestimmten politischen Lager zu eigen ist; als Liberalität steht sie allen Überzeugungen offen. Linken wie Rechten, Sozialisten und Sozialdemokraten, Liberalen, Christdemokraten und Konservativen, Ökologisch-Bewegten steht es offen, Liberalität und Pluralismus dem politischen Kontrahenten gegenüber.

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